Mein schönstes Ferienerlebnis - Drama in 7 Akten
| Von sowas @ 18:12 | [ Wien ] |
- Ouverture -
Es war um die Jahresendzeit. Engel regneten und Champagnerflaschen ejakulierten. Die aus purem Selbstzweck erstandenen Geschenke waren kampflos an den Mann gebracht, die lästige Pflicht an der Familie getan hat, Omi gelüftet, Tante abgehakt. Wir liefen mit kommerziell aufgepimpten Strahlegesichtern herum und feierten den rituellen Totschlag des Jahres, das am Boden lag und nur noch schwach röchelte - und mit einmal wusste ich: ‘ne Dornenranke. Um's Fussgelenk. Das war’s dann auch. Blöde Idee, Hirngespinnst. Lächerlich, der Wahn, sich farblich zu verstümmeln. Postpubertäres Gehabe, mittels Arschgeweih zur ultimativen Ver-H&M-isierung verkommen, dermatologische Kunstwerke zweifelhaften Geschmacks, mongoloide Schriftzeichen, die den wahren Chinesen Lachtränen in die Augen treiben: 'Wer dies liest ist doof'; 'Mutti's Liebling' ; 'Waschlappen im Dienst'. Man hätte mich einfangen, knebeln und fesseln müssen, bevor ich sowas machen würde.
- 1. Akt -
Summertime, ein Kellerlokal irgendwo in einer Gegend, in der sich Head- & Leafshops, Telefonanieanschluss-Salons und Piercing-Tattoo-Läden mit Alles-für-1-Euro-Schwemmen und Pizza-Döner-Sushikaschemmen den Platzabschlag liefern. Ich fühl mich in meinen Schritten gedeadtracked. Halt. Stopp. Retour. Spinn ich? Sieht aus wie ein drittklassiger Kosmetiksalon! Und da ist einer drin und bohrt in der Haut seines Opfers wie der Zahnarzt im Schmelz.
Geh rein und frag ihn.
WAAAS??
Geh rein und frag ihn, ob er dir ein Tattoo sticht.
Spinnst du?!?
Los, geh schon *imaginärschubs*
"Ehm... tschuldigung... äh *piepsestimmchen* Verzeihung, aber... ich hätt gern... ein, äh... Tattoo. Geht das?"
Der Needledoc und sein Opfer feixen anzüglich: Frau, fortgeschrittenen Alters, mit Einkaufstüten in der Hand. Na bravo, sowas.
- 2. Akt -
Es gibt Situationen im Leben, da kannst du dich nur noch durch Flucht nach vorn retten. Termin und Anzahlung und als ich aus dem Keller raus bin, da kribbelts im Gedärm: Sowas von oberpeinlich, das sagst du NIEMANDEM! Das Meerschwein wird dich auslachen, die Kinder werden dich enterben und deine Eltern haben dich schon immer davor gewarrnt, die zu werden, vor der sie dich gewarnt haben. Schlimmer noch: deine midlifekriselnden KollegInnen werden dir mitfühlend zuraunen "Also, meine Bekannte hat kürzlich bei einem psagyrischen Schamanen aus Osttimburesien eine nimboplythische Erdapflamnese machen lassen. Das solltest du dir vielleicht auch mal überlegen."
- 3. Akt -
Meine Bank zieht mir 40 Euro vom Konto ab. Das holt mich in die Realität zurück. "WAS ZUM TEUFEL LASS ICH MIR DA UNTER DIE HAUT SPRITZEN??" Figürlich gesprochen, natürlich. Wie sieht eine Dornenranke aus, wenn sie nicht wie Jesus-am-Bein wirken soll? Ich schiebe die Frage hinaus. Der Termin ist erst in einer Woche. Zeit genug, mit meiner Midlife-Crisis klarzukommen, auf die Vernunft zu hören und die 40 Euro in den Wind zu schreiben. Ich hab schon mehr für Blöderes ausgegeben. Schuhe zum Beispiel.
- 4. Akt -
Samstag, fünf vor Ladenschluss, in der Sachbuchhandlung.
"*hechel* Verzeihung, hätten sie etwas über... äh... Dornenranken? *gehetztdreinblick*"
"Wolln’s an Rosngoaten anlegen, gnä Frau?"
*SOOOaltsehichjetztauchwiedernichtaus-schmoll*
Rosengartenbücher zeigen Rosen. Keine Ranken. Heckenbücher zeigen Büsche, botanische Sachbücher naturalistische Stilleben und Dornröschenbücher disneyeske Blondinen in oppulenten Tüllgardinen.
Zwei nach Ladenschluss hält mir die Verkäuferin triumphierend einen Pflanzenbestimmungsband unter die Nase. Da! Dornenranken! Das Buch muss ich kaufen.
Ein Reinfall! Schnurgerade Zweiglein mit senkrecht abstehenden Borsten. Und sowas soll ich mir für’s Grab mitgeben lassen?
- 5. Akt -
Sonntag in aller Herrgottsfrüh, talentfreies Zerknüll-und-wegwerf-Zeichnen. Sodass der Stecher wenigstens einen Anhaltspunkt hat. Nach sieben Stunden und drei Schreibbögen steht der Entwurf. Am Montag stehe ich auf und weiss "Das machst du nicht! Das ist einfach ein Schwachsinn!" Aber die letzte Skizze ist eigentlich ganz hübsch. Zu Mittag zerknülle ich das Blatt und werfe es in den Müll. Um 17.50 hol ich es wieder raus und streiche es glatt. Und um 18.00 stehe ich im Kellerlokal. Mit der Skizze in der Hand.
- 6. Akt -
Georg, der rumänische Skinner, nimmt sie aus meinen zitternden Fingern, schnalzt mit der Zunge und meint "Hmm, hmmmm." Bittet mich, wie der Zahnarzt, Platz zu nehmen und zu warten. Ich hocke auf einem winzigen, knallroten Ledersofa, die Knie zusammengepresst, das Handtäschchen draufgedrückt, wie Omi im Fahrschultraining, umringt von gackernden Teens. Die Szene ist RealTV-würdig. *tuschel* "Ihr erstes Tattoo..." *kicher* "In DEM Alter!" *gacker* "Die sollte sich ‘ne Ziehharmonika stechen lassen, für die Runzeln" *prust*.
Entwarnung. Die Teens werden gepierced, nicht gepeckt. Einige von ihnen sehen schon aus, wie wandelnde Nadelkissen (der neueste Schrei sind Zungenpiercings hinten im Rachen).
- 7. Akt -
Als sie weg sind, murmelt Georg "Hoffentlich kein Magnet in der Nähe." Wir sehen uns an und grinsen. Das Eis ist gebrochen. Georg hält mir einen Transparentstreifen hin und sagt "Woher?" (ein Mann, ein Wort, ein Ausländer, ein Fremdwort). Ich brauche eine Weile, bis ich begreife: Ich sollte mir das Ding um’s Fussgelenk legen, damit die Position... aber...?! Halt, Moment mal!? "Das ist ja MEINE Zeichnung!" "Klar" "Aber ich dachte, DU würdest eine Ranke..." "Passt gut so." Georg nickt anerkennend. "Mach ich Schatten dazu." Oh Gott! Meine eigene, dilettantische Kritzelei! Mit der ich dem Bodydesignprofi nur zeigen wollte, was von ungefähr, doch er. Vervollständigt er sie mit ein paar Strichen, jagt per Mausklick einen Schatten drunter und mir dann unter die Haut. Ich atme tief durch. Denke, OK. Dann werde ich halt mit meinem eigenen Mist begraben, meine Ranke mit mir zusammen kompostiert. Passt, wie Georg sagt. Ich lege mich auf den schwarzen Schragen. Er zieht schwarze Gummihandschuh an. Und als mir die Fahrmotorik des Gestühls ins Gebein fährt und das helle Sirren des Bohrers den Zahnarztblues anstimmt, denke ich: Hoffentlich tut’s nicht weh, ich bin nämlich schrecklich wehleidig! Dann sticht er zu.
- THE END -

(und da sie immer noch nicht gestorben sind, so leben sie halt heute noch)
Es war um die Jahresendzeit. Engel regneten und Champagnerflaschen ejakulierten. Die aus purem Selbstzweck erstandenen Geschenke waren kampflos an den Mann gebracht, die lästige Pflicht an der Familie getan hat, Omi gelüftet, Tante abgehakt. Wir liefen mit kommerziell aufgepimpten Strahlegesichtern herum und feierten den rituellen Totschlag des Jahres, das am Boden lag und nur noch schwach röchelte - und mit einmal wusste ich: ‘ne Dornenranke. Um's Fussgelenk. Das war’s dann auch. Blöde Idee, Hirngespinnst. Lächerlich, der Wahn, sich farblich zu verstümmeln. Postpubertäres Gehabe, mittels Arschgeweih zur ultimativen Ver-H&M-isierung verkommen, dermatologische Kunstwerke zweifelhaften Geschmacks, mongoloide Schriftzeichen, die den wahren Chinesen Lachtränen in die Augen treiben: 'Wer dies liest ist doof'; 'Mutti's Liebling' ; 'Waschlappen im Dienst'. Man hätte mich einfangen, knebeln und fesseln müssen, bevor ich sowas machen würde.
- 1. Akt -
Summertime, ein Kellerlokal irgendwo in einer Gegend, in der sich Head- & Leafshops, Telefonanieanschluss-Salons und Piercing-Tattoo-Läden mit Alles-für-1-Euro-Schwemmen und Pizza-Döner-Sushikaschemmen den Platzabschlag liefern. Ich fühl mich in meinen Schritten gedeadtracked. Halt. Stopp. Retour. Spinn ich? Sieht aus wie ein drittklassiger Kosmetiksalon! Und da ist einer drin und bohrt in der Haut seines Opfers wie der Zahnarzt im Schmelz.
Geh rein und frag ihn.
WAAAS??
Geh rein und frag ihn, ob er dir ein Tattoo sticht.
Spinnst du?!?
Los, geh schon *imaginärschubs*
"Ehm... tschuldigung... äh *piepsestimmchen* Verzeihung, aber... ich hätt gern... ein, äh... Tattoo. Geht das?"
Der Needledoc und sein Opfer feixen anzüglich: Frau, fortgeschrittenen Alters, mit Einkaufstüten in der Hand. Na bravo, sowas.
- 2. Akt -
Es gibt Situationen im Leben, da kannst du dich nur noch durch Flucht nach vorn retten. Termin und Anzahlung und als ich aus dem Keller raus bin, da kribbelts im Gedärm: Sowas von oberpeinlich, das sagst du NIEMANDEM! Das Meerschwein wird dich auslachen, die Kinder werden dich enterben und deine Eltern haben dich schon immer davor gewarrnt, die zu werden, vor der sie dich gewarnt haben. Schlimmer noch: deine midlifekriselnden KollegInnen werden dir mitfühlend zuraunen "Also, meine Bekannte hat kürzlich bei einem psagyrischen Schamanen aus Osttimburesien eine nimboplythische Erdapflamnese machen lassen. Das solltest du dir vielleicht auch mal überlegen."
- 3. Akt -
Meine Bank zieht mir 40 Euro vom Konto ab. Das holt mich in die Realität zurück. "WAS ZUM TEUFEL LASS ICH MIR DA UNTER DIE HAUT SPRITZEN??" Figürlich gesprochen, natürlich. Wie sieht eine Dornenranke aus, wenn sie nicht wie Jesus-am-Bein wirken soll? Ich schiebe die Frage hinaus. Der Termin ist erst in einer Woche. Zeit genug, mit meiner Midlife-Crisis klarzukommen, auf die Vernunft zu hören und die 40 Euro in den Wind zu schreiben. Ich hab schon mehr für Blöderes ausgegeben. Schuhe zum Beispiel.
- 4. Akt -
Samstag, fünf vor Ladenschluss, in der Sachbuchhandlung.
"*hechel* Verzeihung, hätten sie etwas über... äh... Dornenranken? *gehetztdreinblick*"
"Wolln’s an Rosngoaten anlegen, gnä Frau?"
*SOOOaltsehichjetztauchwiedernichtaus-schmoll*
Rosengartenbücher zeigen Rosen. Keine Ranken. Heckenbücher zeigen Büsche, botanische Sachbücher naturalistische Stilleben und Dornröschenbücher disneyeske Blondinen in oppulenten Tüllgardinen.
Zwei nach Ladenschluss hält mir die Verkäuferin triumphierend einen Pflanzenbestimmungsband unter die Nase. Da! Dornenranken! Das Buch muss ich kaufen.
Ein Reinfall! Schnurgerade Zweiglein mit senkrecht abstehenden Borsten. Und sowas soll ich mir für’s Grab mitgeben lassen?
- 5. Akt -
Sonntag in aller Herrgottsfrüh, talentfreies Zerknüll-und-wegwerf-Zeichnen. Sodass der Stecher wenigstens einen Anhaltspunkt hat. Nach sieben Stunden und drei Schreibbögen steht der Entwurf. Am Montag stehe ich auf und weiss "Das machst du nicht! Das ist einfach ein Schwachsinn!" Aber die letzte Skizze ist eigentlich ganz hübsch. Zu Mittag zerknülle ich das Blatt und werfe es in den Müll. Um 17.50 hol ich es wieder raus und streiche es glatt. Und um 18.00 stehe ich im Kellerlokal. Mit der Skizze in der Hand.
- 6. Akt -
Georg, der rumänische Skinner, nimmt sie aus meinen zitternden Fingern, schnalzt mit der Zunge und meint "Hmm, hmmmm." Bittet mich, wie der Zahnarzt, Platz zu nehmen und zu warten. Ich hocke auf einem winzigen, knallroten Ledersofa, die Knie zusammengepresst, das Handtäschchen draufgedrückt, wie Omi im Fahrschultraining, umringt von gackernden Teens. Die Szene ist RealTV-würdig. *tuschel* "Ihr erstes Tattoo..." *kicher* "In DEM Alter!" *gacker* "Die sollte sich ‘ne Ziehharmonika stechen lassen, für die Runzeln" *prust*.
Entwarnung. Die Teens werden gepierced, nicht gepeckt. Einige von ihnen sehen schon aus, wie wandelnde Nadelkissen (der neueste Schrei sind Zungenpiercings hinten im Rachen).
- 7. Akt -
Als sie weg sind, murmelt Georg "Hoffentlich kein Magnet in der Nähe." Wir sehen uns an und grinsen. Das Eis ist gebrochen. Georg hält mir einen Transparentstreifen hin und sagt "Woher?" (ein Mann, ein Wort, ein Ausländer, ein Fremdwort). Ich brauche eine Weile, bis ich begreife: Ich sollte mir das Ding um’s Fussgelenk legen, damit die Position... aber...?! Halt, Moment mal!? "Das ist ja MEINE Zeichnung!" "Klar" "Aber ich dachte, DU würdest eine Ranke..." "Passt gut so." Georg nickt anerkennend. "Mach ich Schatten dazu." Oh Gott! Meine eigene, dilettantische Kritzelei! Mit der ich dem Bodydesignprofi nur zeigen wollte, was von ungefähr, doch er. Vervollständigt er sie mit ein paar Strichen, jagt per Mausklick einen Schatten drunter und mir dann unter die Haut. Ich atme tief durch. Denke, OK. Dann werde ich halt mit meinem eigenen Mist begraben, meine Ranke mit mir zusammen kompostiert. Passt, wie Georg sagt. Ich lege mich auf den schwarzen Schragen. Er zieht schwarze Gummihandschuh an. Und als mir die Fahrmotorik des Gestühls ins Gebein fährt und das helle Sirren des Bohrers den Zahnarztblues anstimmt, denke ich: Hoffentlich tut’s nicht weh, ich bin nämlich schrecklich wehleidig! Dann sticht er zu.
- THE END -

(und da sie immer noch nicht gestorben sind, so leben sie halt heute noch)


