2007-11-17

Mein schönstes Ferienerlebnis - Drama in 7 Akten

Von sowas @ 18:12 [ Wien ]
- Ouverture -
Es war um die Jahresendzeit. Engel regneten und Champagnerflaschen ejakulierten. Die aus purem Selbstzweck erstandenen Geschenke waren kampflos an den Mann gebracht, die lästige Pflicht an der Familie getan hat, Omi gelüftet, Tante abgehakt. Wir liefen mit kommerziell aufgepimpten Strahlegesichtern herum und feierten den rituellen Totschlag des Jahres, das am Boden lag und nur noch schwach röchelte - und mit einmal wusste ich: ‘ne Dornenranke. Um's Fussgelenk. Das war’s dann auch. Blöde Idee, Hirngespinnst. Lächerlich, der Wahn, sich farblich zu verstümmeln. Postpubertäres Gehabe, mittels Arschgeweih zur ultimativen Ver-H&M-isierung verkommen, dermatologische Kunstwerke zweifelhaften Geschmacks, mongoloide Schriftzeichen, die den wahren Chinesen Lachtränen in die Augen treiben: 'Wer dies liest ist doof'; 'Mutti's Liebling' ; 'Waschlappen im Dienst'. Man hätte mich einfangen, knebeln und fesseln müssen, bevor ich sowas machen würde.

- 1. Akt -
Summertime, ein Kellerlokal irgendwo in einer Gegend, in der sich Head- & Leafshops, Telefonanieanschluss-Salons und Piercing-Tattoo-Läden mit Alles-für-1-Euro-Schwemmen und Pizza-Döner-Sushikaschemmen den Platzabschlag liefern. Ich fühl mich in meinen Schritten gedeadtracked. Halt. Stopp. Retour. Spinn ich? Sieht aus wie ein drittklassiger Kosmetiksalon! Und da ist einer drin und bohrt in der Haut seines Opfers wie der Zahnarzt im Schmelz.
Geh rein und frag ihn.
WAAAS??
Geh rein und frag ihn, ob er dir ein Tattoo sticht.
Spinnst du?!?
Los, geh schon *imaginärschubs*
"Ehm... tschuldigung... äh *piepsestimmchen* Verzeihung, aber... ich hätt gern... ein, äh... Tattoo. Geht das?"
Der Needledoc und sein Opfer feixen anzüglich: Frau, fortgeschrittenen Alters, mit Einkaufstüten in der Hand. Na bravo, sowas.

- 2. Akt -
Es gibt Situationen im Leben, da kannst du dich nur noch durch Flucht nach vorn retten. Termin und Anzahlung und als ich aus dem Keller raus bin, da kribbelts im Gedärm: Sowas von oberpeinlich, das sagst du NIEMANDEM! Das Meerschwein wird dich auslachen, die Kinder werden dich enterben und deine Eltern haben dich schon immer davor gewarrnt, die zu werden, vor der sie dich gewarnt haben. Schlimmer noch: deine midlifekriselnden KollegInnen werden dir mitfühlend zuraunen "Also, meine Bekannte hat kürzlich bei einem psagyrischen Schamanen aus Osttimburesien eine nimboplythische Erdapflamnese machen lassen. Das solltest du dir vielleicht auch mal überlegen."

- 3. Akt -
Meine Bank zieht mir 40 Euro vom Konto ab. Das holt mich in die Realität zurück. "WAS ZUM TEUFEL LASS ICH MIR DA UNTER DIE HAUT SPRITZEN??" Figürlich gesprochen, natürlich. Wie sieht eine Dornenranke aus, wenn sie nicht wie Jesus-am-Bein wirken soll? Ich schiebe die Frage hinaus. Der Termin ist erst in einer Woche. Zeit genug, mit meiner Midlife-Crisis klarzukommen, auf die Vernunft zu hören und die 40 Euro in den Wind zu schreiben. Ich hab schon mehr für Blöderes ausgegeben. Schuhe zum Beispiel.

- 4. Akt -
Samstag, fünf vor Ladenschluss, in der Sachbuchhandlung.
"*hechel* Verzeihung, hätten sie etwas über... äh... Dornenranken? *gehetztdreinblick*"
"Wolln’s an Rosngoaten anlegen, gnä Frau?"
*SOOOaltsehichjetztauchwiedernichtaus-schmoll*
Rosengartenbücher zeigen Rosen. Keine Ranken. Heckenbücher zeigen Büsche, botanische Sachbücher naturalistische Stilleben und Dornröschenbücher disneyeske Blondinen in oppulenten Tüllgardinen.
Zwei nach Ladenschluss hält mir die Verkäuferin triumphierend einen Pflanzenbestimmungsband unter die Nase. Da! Dornenranken! Das Buch muss ich kaufen.
Ein Reinfall! Schnurgerade Zweiglein mit senkrecht abstehenden Borsten. Und sowas soll ich mir für’s Grab mitgeben lassen?

- 5. Akt -
Sonntag in aller Herrgottsfrüh, talentfreies Zerknüll-und-wegwerf-Zeichnen. Sodass der Stecher wenigstens einen Anhaltspunkt hat. Nach sieben Stunden und drei Schreibbögen steht der Entwurf. Am Montag stehe ich auf und weiss "Das machst du nicht! Das ist einfach ein Schwachsinn!" Aber die letzte Skizze ist eigentlich ganz hübsch. Zu Mittag zerknülle ich das Blatt und werfe es in den Müll. Um 17.50 hol ich es wieder raus und streiche es glatt. Und um 18.00 stehe ich im Kellerlokal. Mit der Skizze in der Hand.

- 6. Akt -
Georg, der rumänische Skinner, nimmt sie aus meinen zitternden Fingern, schnalzt mit der Zunge und meint "Hmm, hmmmm." Bittet mich, wie der Zahnarzt, Platz zu nehmen und zu warten. Ich hocke auf einem winzigen, knallroten Ledersofa, die Knie zusammengepresst, das Handtäschchen draufgedrückt, wie Omi im Fahrschultraining, umringt von gackernden Teens. Die Szene ist RealTV-würdig. *tuschel* "Ihr erstes Tattoo..." *kicher* "In DEM Alter!" *gacker* "Die sollte sich ‘ne Ziehharmonika stechen lassen, für die Runzeln" *prust*.
Entwarnung. Die Teens werden gepierced, nicht gepeckt. Einige von ihnen sehen schon aus, wie wandelnde Nadelkissen (der neueste Schrei sind Zungenpiercings hinten im Rachen).

- 7. Akt -
Als sie weg sind, murmelt Georg "Hoffentlich kein Magnet in der Nähe." Wir sehen uns an und grinsen. Das Eis ist gebrochen. Georg hält mir einen Transparentstreifen hin und sagt "Woher?" (ein Mann, ein Wort, ein Ausländer, ein Fremdwort). Ich brauche eine Weile, bis ich begreife: Ich sollte mir das Ding um’s Fussgelenk legen, damit die Position... aber...?! Halt, Moment mal!? "Das ist ja MEINE Zeichnung!" "Klar" "Aber ich dachte, DU würdest eine Ranke..." "Passt gut so." Georg nickt anerkennend. "Mach ich Schatten dazu." Oh Gott! Meine eigene, dilettantische Kritzelei! Mit der ich dem Bodydesignprofi nur zeigen wollte, was von ungefähr, doch er. Vervollständigt er sie mit ein paar Strichen, jagt per Mausklick einen Schatten drunter und mir dann unter die Haut. Ich atme tief durch. Denke, OK. Dann werde ich halt mit meinem eigenen Mist begraben, meine Ranke mit mir zusammen kompostiert. Passt, wie Georg sagt. Ich lege mich auf den schwarzen Schragen. Er zieht schwarze Gummihandschuh an. Und als mir die Fahrmotorik des Gestühls ins Gebein fährt und das helle Sirren des Bohrers den Zahnarztblues anstimmt, denke ich: Hoffentlich tut’s nicht weh, ich bin nämlich schrecklich wehleidig! Dann sticht er zu.

- THE END -

untitled

(und da sie immer noch nicht gestorben sind, so leben sie halt heute noch)

2007-09-23

Mein Türke

Von sowas @ 08:47 [ Wien ]
Kurz unterbreche ich mein selbstauferlegtes "Schreige (=Schreibe+Schweige)"-Gelübte, um ein Lied anzustimmen (keine Angst, ich singe schlecht und somit nicht, lassen Sie den Lautsprecher also ruhig an): Ein Hohelied auf meinen Türken.

Mein Türke steht gestern mitten in seinem Laden - es ist halb Zehn, präziser: Einundzwanziguhrdreissig - macht ein unglückliches Gesicht und fragt seinen Bruder/Vetter/Neffen/Schwippschwager, der irgendwas herumkramt "Sag, gibt es Auto, wo fahrt ohne Benzin?" Der Angesprochene brummt etwas. Mein Türke wiederholt "Gibt es Auto, wo fahrt ohne Benzin?" Die Frau/Nichte/Tochter/Cousine/ Schwägerin des Türken stellt den Wischbesen, mit dem sie durch den verwinkelten Laden, der zugleich Trafik (so etwas wie unser Kiosk), Schnellimbiss, Ticketbude, Kaffeehaus und Orientdeli ist, gekurvt ist, ab. Stützt sich darauf und sagt "Hast du Hunger. Soll ich dir was zu essen machen." Feststellungen, keine Fragen. Mein Türke strahlt erleichtert.

Mein Türke ist mein Rettungsanker. Wenn ich irgendwann irgendetwas brauche (und das ist recht häufig der Fall) - mein Türke hat es. Milch, Kaffee, Haarshampoo, Kerzen, Knabbereien, Schnürsenkel, Eier, Brot und Extrawurstsemmeln, Damenbinden, Fahrkarten, Parkscheine, Zeitungen, Rauchwaren aller Art (die ich nicht mehr brauche, da seit 7 Jahren clean), Wasser, Limo, Bier-Wein-Schnapps, Dosenprosecco gar, den ich mir gestern denn auch gönnte, in stillem Glück über meinen Türken, dessen winziges Verkaufsuniversum nur ein kurzes Stück die Strasse hoch gelegen ist, und alles beherbergt, was ich mir des Tags oder des Nachts zu brauchen jemals einfallen lassen könnte. Mein Türke veräussert es mit stoischer Mine und professioneller Wortkargheit, die man ihm schwerlich als Unfreundlichkeit auslegen kann, brummt irgendwelche Anweisungen nach hinten zu seiner zumeist unsichtbaren Sippschaft und zu mir "Dreieurofünfzigbitte."

Mein Türke hat alles. Vor allem hat er eins: immer offen. Wenn die hiesigen Gewerbler um Fünf ihre Buden schliessen, die sie erst um Neun aufgemacht haben (unter Einschluss einer zweistündigen Mittagspause) und an Sonn- und Feiertagen gar nicht erst dran denken, einen Fuss in ihren Laden zu setzen - mein Türke steht drin. Vermutlich weil er dort alles vorfindet, was es zum Leben braucht, hier oder anderswo, sogar die Familie ist um ihn herum - ein postmodernes Schneckenhaus mit integriertem Bauchladen sozusagen. Also, wenn das kein Lied verdient!

(Äh, kleiner Wermutstropfen: Dosenöffner hat er nicht, fällt mir jetzt gerade ein. *aautsch!*)

2007-09-20

blocus scriptus moderatus

Von sowas @ 07:58 [ Wien ]
Soo, meine lieben Sportsfreunde und Hausgeister

Da bin ich wieder! Aber nur vorübergehend, denn ich leide unter einer Schreiberlingskrankheit, der sogenannten "akuten Schreibblockade" (lat. 'blocus scriptum agravatus' - wir haben auch Ärzte unter unseren Lesern, und zwar solche, die das Latein noch machen mussten, also aufgepasst!).

Meiner literarischen Ideen sind zwar viele (und geniale!), doch jedes Mal, wenn ich mich voll Begeisterung auf die Tasten stürze, sind sie weg. Einfach *puff* verschwunden, aufgelöst in Schall und Rauch, wie der wunderbare Traum zehn Sekunden nach dem Aufwachen. Verschwinden meine Ideen in die Tasten, verkriechen sich im Gedärm meines Computers und wollen nicht wieder heraus. Knurren bösartig, wenn ich sie zu locken versuche. Ja, ich glaube, ein Gedankenstrang biss mich gar in den kleinen Finger, gestern, als ich die Taste "ö" berührte, verspürte ich nämlich ein brennendes Zucken. Ich war gerade dabei, meine unnachahmlich träfen Überlegungen zum 'ölfalktörischen Bösörök' (einem ungarischen Ungeheuer, das hier ganz in der Nähe wohnen soll) niederzuschreiben, als *zack* und *aua!* und ein Arzt war auch nicht da. So wird's halt nix mit dem Bösörök.

Und zur Schweiz fällt mir nichts ein, beim besten Willen, da kann ich meinen Compi kopfüber schütteln, dass die Typen nur so klappern, ich hab nämlich keine Ahnung, was bei euch Mädels und Jungs drüben im Schurkenstaat so läuft. Keine Tageszeitung aus der mich die neuesten News anspringen, keine Bekannten, die mich in politologistische Gassengespräche verwickeln wollen, weil sie wissen, das ich in meinem früheren Leben einmal… nicht einmal die Katze. Schnurrt um meine Beine herum und tut schmeichlerisch (dabei will sie nur ihre lästigen weissen Haare an meiner Jeans abstreifen, aber ich hab sie durchschaut, das Biest).

Jetzt bin ich also hier, wo mir einst das unzüchtige Taubengegurr Schamesröte auf meine unschuldig-jugendlichen Wangen trieb. Doch heutzutage muss man TV-Privatsender einschalten, um Gestöhne zu hören, denn draussen lauert der Stadtfalke, und unter den Ziegeln befinden sich nicht mehr staubige Böden sondern luftige Lofts - mit Mietzinsen in Schweinereienhöhe. Aber das ist der freie Markt. Und Tauben haben darin keinen Zutritt. Und ich keinen Fernseher.

Also, wenn ich meine Hausaufgaben gemacht habe (nämlich das SERICEHBN wieder zu erlernen), melde ich mich. Bis dann: Seavas.

2007-09-17

Erlauchte Raffinesse

Von sowas @ 20:45 [ Wien ]
Wieso sind Raffinerien nachts immer taghell beleuchtet?
Etwa ein Versuch, die Industrie zu erleuchten?
Und wieso erklingen in meinen Ohren stets Opern-Arien, wenn ich an ihnen vorüberfahre, nächtens, unbe/erleuchtet?
(M)Ein Bestreben, das grundsätzlich Gegensätzliche zu verschweissen?


Raffiniert
Quelle: www.pixelquelle.de

2007-08-29

Ich und der Wawrschinek

Von sowas @ 07:24 [ Wien ]
Wieder einmal begegnete mir der Wawrschinek.
Triefäugig glummte er mich an und murmelte dazu "Hrnnng'Hfff".
Ich konnte nicht anders als ihm zustimmen.
So geht's mir immer mit dem Wawrschinek.
Weshalb ich ihn meide.

2007-08-23

In fremden Gärten

Von sowas @ 09:35 [ Wien ]
Die Russen stellen unter der Arktis eine Fahne auf und sowas weidet in baeh's Bloggründen *muh*
;-D

Alle meine Schäflein...

2007-07-06

Wiengallerie - Wienallergie

Von sowas @ 09:54 [ Wien ]
Burschen und Mädels, ich hab euch 'ne Gallerie hochgeladen. Danke für den Beifallssturm, ihr dürft euch wieder setzen. (Ist euch übrigens schon aufgefallen, dass Gallerie und Allergie das gleiche Wort sind? Einfach nur das 'G' an anderer Stelle, aber wer wird da pingelig sein).

Gut, also hier einige Zusatzerläuterungen zu meiner Allergie, äh... Gallerie:
  • "Kletzenbrot": 7., Untere Mariahilferstrasse (im Anschluss ans MQ)
  • "Karin": Prater; 2., Platz der Meilensteine
  • "Falschparker": 6., Mariahilferstrasse
  • "Look no further": 7., Kirchengasse (Gemälde von US-Delinquenten, *huääähh* geht unter die Haut...)
  • "Café Blocher": 7., Ecke Lindengasse/Stiftgasse
  • "Goethe": 6., Ecke Gumpendorferstrasse/Fillgradergasse
  • "Cabaret": 6., Girgardigasse (Frage: was finden Männer an Frauen, die wie Männer angezogen sind, sexy?)
  • "Handkuss": 6., Girardigasse
  • "Veloständer": 4., Karlsplatz, U-Bahn
  • "Oeser-Hof": 6., Linke Wienzeile
  • "Schild": 5., Naschmarkt

    My favorites:
  • 7. Bezirk, hinter dem Spittelberg (für seine irren Läden)
  • 5. Bezirk, überall (für seine wirren Läden)
  • 6. Bezirk, Ringnähe (für seine coolen Läden)
  • 9. Bezirk, für seine irren Anstalten (und den Uni-Campus im alten AKH! Mit Ausnahme des Eingangs zum Institut für Judaistik, der liegt nämlich direkt neben dem "Kesselhaus" *augenverdreh*)

    Mit Ess- und Ausgehtipps kann ich euch leider nicht gross weiterhelfen. Müsst selber schaun.
    Echt witzig ist aber ein Abstecher ins Schweizerhaus im Prater. Unbedingt Stelzen mit Senf und Kren essen! Dazu ein Krügerl, versteht sich von selbst *mahlzeit*

2007-07-04

Esperanto muerte, viva mixi-linguä!

Von sowas @ 06:55 [ Wien ]
Aaahh, hat das gut getan…!
And now for something completely different (and in tribute to today's re-re-re-reeeeeegained independence. Allright, guys?):


Wer das liest ist ...


Wer versteht NICHT, was damit gemeint ist? Hand hoch. Na bitte, alle. Obwohl es in keiner „richtigen“ Sprache geschrieben ist, weder in F noch in I, nicht in S, E und X, nicht einmal in K oder T oder R und ganz bestimmt nicht in D, der Sprache jener des Ortes, in dem das Gebäude steht, an dessen Innentür das Schild mit der Inschrift angebracht ist (Sie haben es erraten, natürlich Wien. War ja auch nicht schwer). Die Österreicher haben wenig Erfahrung im Umgang mit Mehrsprachigkeit (obwohl sie - getreu bürokratischer Traditionen - über ein neunseitiges „Volksgruppengesetz“ verfügen). Oder zumindest keine Berührungsängste, wenn es darum geht, linguistische Kreativität zu beweisen. Hier heult keine Volksgruppe auf, wenn ihre Landessprache weggelassen oder (fast noch schlimmer!) zweitübersetzt (und somit verhunzt ) wird. Die wenigen autochtonen Slowenen und Kroaten sind schon froh, wenn ihre Sprache überhaupt auf offiziellen Texten erscheint. Und die Touristen haben die Goschen zu halten und zu zahlen, sie sind nicht zum Lesen gekommen, sondern zum Schauen und wo kämma denn hin, wenn alle Sprachen sämtlicher Touristen befindlichkeitsgetreu wiedergeben werden müssten, die Tür im Innenhof des Palais müsste vollbeschrieben werden, ja ausgebaut, verbreitert und in ein Scheunentor umgewandelt, um Platz zu machen für ein Schild, das nichts weiter besagt, als „Durch dieses Tor sollst du nicht gehen“, punkt. Absperrband, rot-weiss-rot, hier nicht rein, du sonst tot. Privat//No Enter; eine einfache Lösung. Versteht ein jeder. Sogar Sie.

2007-07-01

Wer liest denn (sowas)

Von sowas @ 07:56 [ Wien ]
Versprochen ist versprochen. Ich habe Ihnen etwas mitgebracht: Geräusche. Hören Sie? Den Wind. Er flattert und rauscht, scheucht Wolkengebäusch über einen schlecht grundierten Himmel, blau sollte er sein, weisslich-graue Schlieren hat er, Schande über den nachlässigen Maler, der da die Himmelsleinwand so schlampig präpariert hat… doch halt! Ich wollte Ihnen etwas über Geräusche erzählen. Der Wind also. Vermag sie nicht zu verwehen, die kitzelnde Wärme der Bretterplanken, auf denen Bänke stehen, neu verschraubt aber alt aussehend, vielleicht wird man auf dem frisch zugänglich gemachten Dach der Gloriette rascher alt, als an anderen Orten des verschlurften Schönbrunn, welches Vermählungswütige rudelweise heimsuchen, danach trachtend, etwas abzubekommen vom alten Glanz der mehrfachgelifteten Burg; Hochzeitsgesellschaften schlürfen warmen Sekt, verzierte Kutschen stehen sich die Räder in den Bauch, Brautleute stolpern kratzig über spitzgelben Kies, Sie in schleppigem Weiss, Er in verschwitztem Schwarz, starres Grinsen in starre Linsen vor dem in noblem Crèmebrulée (statt knalligem Safrangelb) aufgefrischten Schlossgebäude - Als Kind war ich immer furchtbar enttäuscht, weil Schönbrunn trotz seines entrückten Sisirufs einfach nur ein gelber Häuserkasten mit viel Lauffläche ist, was uns zum Marschieren zwang und mich vom Träumen abhielt; nicht, dass ich von hübschen Prinzessinnen geträumt hätte, dunkle Prinzen waren da viel eher mein Ding, was ja dann schliesslich auch dazu geführt hat, dass ich… Aber Halt: Geräusche! (versprochen ist versprochen). Ich schliesse die Augen, oben auf der Gloriette. Und denke: Mein dunkler Prinz. Vor 200 Jahren. Wäre der Wind genau derselbe gewesen. Auch das Vogelgezwitscher, das Gebrabbel der Menschen, das Gequieke der Kinder, die Schritte im Kies. Das Rauschen des Windes in den Blättern der uralten Parkbäume, jene, die den Stürmen der Vorwoche standgehalten haben (die Wiener sind lustig, sie schreiben „Der Aufenthalt unter den Parkbäumen kann lebensgefährlich sein. Eltern haften für ihre Kinder.“ In der Schweiz käme rot-weiss-rotes Absperrband zum Zug, erschossen ein jeder, der sich darunter hindurch wagt oder darüber hinwegsetzt. Die Österreicher mögen’s schriftlich und andeutungsweise. Vielleicht, weil sie mit Rot-Weiss-Rot-Gestreift etwas anderes verbinden als Gefahr und im Lauf der Jahrhunderte auf hoheitliche Diktate gewisse Allergien entwickelt haben. Wir Schweizer dagegen lieben Verbote über Dinge, die wir ohnehin freiwillig nicht tun würden, und brauchen’s deutlich, wenn schon nicht dreisprachig, dann zumindest symbolisch, ein rot-weiss-rotes „Wer hier durchgeht wird erschossen“ reicht völlig aus.) *hüstel* Ja, ja, schon gut, die Geräusche… Der Wind, der Wald, die Menschen, die Vögel. Die Tiere. Hätte es gegeben, Tiergeräusche. Hahnengeschrei von den umliegenden Gehöften (wo jetzt dunkelhohe Zinshäuser und trotzigrote Krane stehen). Hundegekläff, Pferdegewieher, Kuhgemuh (Vierbeiner sind in Schönbrunn nur als Peep-Show-Ereignis zugelassen - im Zoo). Kirchenglocken. Auch jetzt noch hörbar, vereinzelt, wie jene, die um 17.00 Uhr schüchtern und pflichtbewusst das Ende der kollektiven samstäglichen Einkaufshysterie verkündet. Anders als vor 200 Jahren. Wäre nicht hörbar gewesen das ständige Brummen im Hintergrund - mal aufbrausend, mal abflauend - das die uns so selbstverständlich gewordene Mobilität vertont. Autos, Motorräder, Züge, S-, U- und andere Bahnen, Busse, Lastwagen, Flugzeuge hinterlassen einen Geräuschteppich, der das Dach der Gloriette ins Deck eines Schiffs verwandelt, getragen vom an- und abschwellenden Rauschen des Meeres, Wellen gegen Brandungsfels, doch Wien ist weit davon entfernt, am Meer zu liegen, weder heute noch vor 200 Jahren und auch in 200 Jahren vermutlich (noch) nicht, interessieren tät’s mich aber schon, wie die Geräusche dannzumal wären, was man wird hören können auf dem Dach der Gloriette, dereinst. Ausser dem Wind.

Wien hat das Mehr