2007-12-28
Das war's
Soseli, die Geschenke sind umgetauscht, das Altpapier weggebracht. Kommen wir wieder zu etwas ganz Banalem: Nämlich zum Schluss.
Es ist soweit, ein halbes Jahr ist um, und mein Bloggerlatein am Ende. Ich hab geschrieben, was ich zu schreiben habe, kommentiert was ich kommentierbar fand, geblödelt, gefachsimpelt, gedichtet...
Klar, chönnt i no viu blöder tue. Noch mehr spitzeln, witzeln, tippen und flippen, plappern und klappern. Aber es wär nichts Neues. Das Selbe in Grün. Nuancierungen, Differenzierungen von bereits Festgehaltenem und aufwärmen liegt mir nicht. Das Leben strotzt schon so von Repetitionen und Widerkäuungen, da muss ich nicht auch noch mitmischen.
Darum, und weil ich jetzt halt doch für längere Zeit ins Ausland gehe (hat also doch noch geklappt), höre ich mit dem Bloggen auf. Nicht jedoch ohne einen kleinen (Halb-)Jahresrückblick zu machen, so wie es die IN-Listen der Zeitschriften gebieten *grins*:
- Ich habe ein Visum und eine Zulassung als "Kulturaustäuschler" für China in der Tasche, samt Impfausweis, Stromadaptern und Flugticket nach und ab Beijing (was soviel heisst, wie Nordstadt - trara, bin ich gut drauf in Chinesisch!), zwischenzeitlicher Aufenthalt weiterhin unbekannt.
- Die Weltlage bleibt ungebrochen unerfreulich (vor allem nach dem Mord an Frau Bhutto), die (B)Innenpolitik, auch wenn nach den Wahlen scheineifrig herumpolemisiert wurde, weiterhin gähnoman (oder glaubt jemand wirlich daran, dass sich in unserem Land irgend etwas ändern wird? Eben) und das lokale Baustellenchaos feiert fröhliche Urständ.
- Nachbar’s Dach ziert immer noch ein roter Besenstiel (es hat Dutzende von Einsprachen gegeben *hämischgrins*), Spencer’s Bilder sind immer noch nicht erschienen (ich zeig meinen blanken Body nur noch gegen blinkende Münze!), meine Website ist fertig (schon lang, aber zum Beladen bin ich noch nicht gekommen) und Spiderman tot (ich fand ihn beim Kellerausmisten, mit zerknüllten Beinen vertrocknet auf dem Rücken liegen *schluchz*).
- Kinder werden immer noch munter umgebracht, die Erleuchtung habe ich nicht gefunden, jedoch etwas, das man nicht kaufen kann: Würde.
My life is a sketchbook.
Und ich sage lautlos (aber nicht leise) "Servus"
Oder, wie der Chinese sagt: "zài jiàn"
- Wärmste Altjahresgrüsse, Eure sowas
2007-12-04
Reisevorbeitungen
Neuigkeiten? Sie haben recht. Niemand liest sowas, nur alten Käse aufgetischt zu bekommen. Nun. Da liess ich mir gestern also 4 Spritzen unter die Haut jagen, in die Muskeln beider Oberarme, die ich fortan zu bewegen mehr als Mühe hatte. Aber wer braucht schon seine Oberarme, um ins Tram zu steigen und anschliessend mit dem Zug heimzufahren. Ich nicht. Sie?
4 (vier!) Spritzen habe ich gestern verpasst bekommen, um geschützt zu sein gegen Tollwut, Vogelgrippe, Rinderwahnsinn, Maul- und Klauenseuche und was man sich sonst allerhand Garstiges einfangen kann, wenn man die Nasenspitze über die Landesgrenze streckt. Ich habe vor, sie ganz weit zu strecken, nicht einmal Pinocchio vermöchte mit mir mitzuhalten.
Wie gesagt, ich habe es vor. Denn bestätigt ist noch nichts. Der „letter of invitation“ - zwar seit Wochen versprochen - steht aus, das Visum - wie man mir bestätigt hat - nurmehr reine Formsache, aber eben: Wo nix is, da is nix. Also habe ich angefangen, meine Reisevorbereitungen auf gut Glück zu treffen, und zwar physisch, so dass man’s spürt, dass es weh tut, die fremden Kulturen, unter die Haut sollen sie gehen, und das taten sie auch, die Spritzen.
Wobei gelogen wäre, wenn ich behauptete, die Spritzen seien der Anfang gewesen. Den Anfang machte ich dort, wo die Schweiz ihren Nabel hat: nämlich hinter der Pforte zum Bankgeheimnis. Wo ich eigene in Fremdwährung umtauschen liess, und diese buntbedruckten, verstaubt anmutenden Zettelchen bestellte, die ich vor einem Vierteljahrhundert in irgend einer kykladischen Provinzbank zu wechseln versuchte, vergeblich, denn die Banken waren immer geschlossen, egal wann, und egal wo. Banköffnungszeiten sind noch grausamer und unmenschlicher als Postöffnungszeiten. Aber das ist ein anderes Thema.
Obwohl man mir versichert hat, heutzutage immer und überall mit einer Kreditkarte bezahlen zu können (gesetzt der Fall, man habe die richtige bei sich), liess ich mir die Scheine geben, vielleicht, weil die Tatsache, Traveller Checks in den Fingern zu halten, erst das wahre Reisefieber aufkommen lässt. Quasi die vorweggenommene Sicherheit, tatsächlich zu verreisen. Und zwar für längere Zeit.
Mein nächster Schritt, so habe ich heroisch entschieden, wird sein, mir einen Stromadapter zu beschaffen. Wenngleich in völliger Unkenntnis darüber, ob ich Strom überhaupt vonnöten haben werde, denn auf einen Reisefön kann ich verzichten, und die üblichen elektronischen Gadgets vermutlich nicht brauchen. Dabei reise ich in kein Entwicklungsland (wäre dem so, hätte ich vermutlich weit weniger Schwierigkeiten, ein Mobiltelefon und einen Internetanschluss zu bekommen). Meine Destination ist prä-hip und zensurbeladen, wie Kuba, nur kälter.
Ich verschwinde für ein halbes Jahr. Nach China, zwecks „Cultural Exchange“ (so heisst es im Programm). Zumindest habe ich das vor...
Aber ich habe ganz vergessen, dass News von gestern keine sind. Also überlasse ich Sie den wirklich Neuesten News und belästige Sie nicht länger.
2007-11-05
Artcore
Lassen Sie mich etwas zum Thema Pornografie schreiben. Der moderne Mensch will ja schliesslich aufgeklärt bleiben. Nun also, legen Sie die Viagraschachtel bereit (konsultieren Sie zuerst die Packungsbeilage zu Risiken und Nebenwirkungen) und lassen Sie sich sodann über den neuesten Trend der Pornografie berichten: Die Foodomie.
Ja, Sie lesen richtig, es handelt sich um sexuelle Handlungen von (und nicht mit!) Nahrungsmitteln. Immerhin soll auch ein Kohlkopf ein Recht auf ein erfülltes Liebesleben haben. Bei der Foodomie betrachtet man also Nahrungsmittel verschiedenster Arten und Gattungen beim heissen Intimspiel in der erogenen Nahkampfzone. Man sieht, wie die Milch sich über das Brot ergiesst, der Reis es mit der Butter treibt und sich die Rübe an der Raffel reibt, denn auch im Foodland ist Sexspielzeug beliebt.
Natürlich gibt es für die Foodomie geradezu prädestinierte Nahrungsmittel: die Gurke beispielsweise, der Spargel, die Feige oder das Weggli. Aber auch die Erotomaten, die Nymphdrüsen und hüllenlose Bohnen zählen dazu. In der Foodomie erhält das Freizügigkeitsgesetz eine ganz neue Bedeutung.
Auch die Freunde der Homofoodie kommen nicht zu kurz, man denke an "Zärtliche Rosinen" oder "Brokeback Mountree" auf dem zwei gleichgesinnte Bananen einander verfallen. Und wenn sich das Feld der Foodomie auf die Hydrosexualität ausdehnt, sind der Fantasie keine Grenzen mehr gesetzt! Na, brauchen Sie das Viagra noch, oder verfüttern Sie es Ihrer Zimmerpflanze?
Wer wird denn hier gleich an was Schmutziges denken?
2007-10-31
G-Astronomie
Hauben? Sterne? Gault Millau oder Guide Michelin? Werfen Sie alle Theorien die sie über Restaurantbewertungen kennen, über Bord, denn es gibt nur eine einzig wahre:
Die G-Astronomie.
Sie beruht auf der ebenso simplen wie unwiderlegbaren Binsenweisheit, dass, je weiter der Weg, desto grösser der Hunger und umso leckerer die dargebrachte Speise.
Überzeugen Sie sich selbst, machen Sie ein gedankliches Experiment:
Denken Sie an einen Herbstspaziergang, gemütliches Schlendern durch raschelndes Laub, man atmet die würzig-frische Luft, die den unangenehm schneeigen Beigeschmack der frühen Morgenstunden abgestreift hat, fängt sich noch ein paar Sonnenstrahlen ein, und sieht, hinten im Tal, ein gemütliches Gasthaus, an dessen windgeschützter Holzwand ein paar Bänke, Tische davor und Herzhaftes darauf, lecker, lecker! Fünf Sterne, ganz bestimmt!
Nun zu Experiment Nr. Zwei:
Denken wir uns eine abendliche Landschaft, kalt, graublauschwarz, feucht und neblig, darin wir, seit Stunden unterwegs, mit kalten Nasen und leeren Mägen und keine Einkehr weit und breit. Und dann, auf einmal, aus der Dunkelheit heraus ein heimeliges Lichtlein, grösser werdend, während wir näher kommen, ein Haus mit goldhinterleuchteten Fenstern, warmen Stuben und gedeckten Tischen mit dampfenden Schüsseln... mmhhhh! Egal, was in den Schüsseln ist, wir haben es zum Fressen gern. Siebzig Sterne, mindestens!
Soweit, so banal.
Jetzt kommt die Theorie, aufgepasst:
Setzen wir das mentale Experiment auf einer abstrakten Ebene ins Unendliche fort:
Denken wir uns also irgendwo im Weltraum, in seinen galaktischen Tiefen, eine Beiz. Und zu der müssen wir hin. Die Beiz liegt Lichtjahre entfernt und hat demzufolge Myriaden von Sternen. Und was heisst das? Richtig! Die beste Beiz, die es gibt, ist Douglas Adams’s Restaurant am Ende des Universums. WZBW
Reservieren Sie noch heute, die Platzzahl ist beschränkt!

2007-10-20
Alles FlüMi oder was
"Freiheit kann man nicht kaufen" steht dieser Tage auf einem Plakat, von dem herab uns ein Gesicht wohlfeil anlächelt.
Blödsinn.
Natürlich kann man Freiheit kaufen. Man kann Kaution bezahlen um auf freien Fuss zu kommen, oder die Exekutivkräfte mit finanziellen Zuwendungen günstig stimmen, von den Legislativen ganz zu schweigen. Auch die Judikative ist nicht davor gefeit - selbst in unserem Land nicht, alles andere ist touristenfängerische Schönfärberei.
Man kann Freiheit kaufen, wie man Freunde, Liebe, Schönheit, Wählerstimmen, Erfolg und Glück kaufen kann. Alles statistisch nachgewiesen: Reiche sind schöner, erfolgreicher, haben es leichter in der Partnerwahl und viele, viele Freunde (Hand auf's Herz: sind UNSERE Freunde denn auch immer so selbstlos und aufrichtig an uns interessiert, wie wir immer behaupten, wenn wir mit schnödem Finger auf die Groupies der Reichen zeigen? Paris Hilton hat sicher mehr Freunde als ich, und sie sind deshalb nicht weniger "wahr").
Ja, auch das Glück kann man kaufen. In Form von Ferienreisen, Konsumgütern, allerlei Therapien und kleinen Pillen. Echt wahr! Die Zeitungen sind voll davon. Wer's Gegenteil behauptet, lügt.
Und bald einmal wird man das ewige Leben kaufen können (den Platz im Himmelreich gibt's ja schon lang, wenn man dafür bezahlt, auch für Lutheraner), werden Nanobots unsere alternden Zellen wieder auf Vordermann bringen und bionische Ersatzteile Kaputtgegangenes wettmachen. Viel besser als das Original, echt!
Man kann sich alles kaufen. Man muss nur über ausreichend FlüMi verfügen.
2007-10-16
Schuhe. Natürlich.
Ich habe eine Nichte (genau genommen habe ich zwei) und ihr Name ist, sagen wir einmal, Marie. Marie ist fünf ("fünfeinhalb" würde sie präzisierend einwenden) und sie weiss immer alles ein bisschen besser und ein bisschen genauer als alle anderen.
Marie sinniert. Sie sagt, und ihr Gesicht, das im Entfernten an das einer sehr hellblonden, sehr blassblauäugigen Chinesin erinnert, ist Ernst vor kontemplativer Grübelei, "Wenn ich morgen aufwache und in den Kindergarten will, und auf einmal bin ich ganz fürchterlich gewachsen, in der Nacht... Was ziehe ich dann an?" Nun, will ich antworten, wenn es ein wirklich schlimmer Wachstumsschub war, könntest du ja die Kleider deiner Mutter... "Aber was ist," denkt sie voraus "wenn mich die anderen Kinder dann nicht mehr erkennen?" Da hat sie einen Punkt. Ich sage, leichthin "Och, das ist nicht so schlimm, vielleicht sind sie ja auch alle über Nacht gewachsen, und ihr trefft euch als Selbsthilfegruppe, zum Beispiel als 'Anonyme Wachstumsschübler' oder so." Ich finde meine Idee genial. Doch Marie hat schon weitergedacht "Wenn aber einer in der Nacht wächst und der andere in der Nacht schrumpft, dann geht das nicht." Stimmt. Greise, Säuglinge, Wanderpanther und Quengelkinder, Careerwomen und Chaosteens - das passt nicht zusammen. Nicht einmal in eine Selbsthilfegruppe. Vielleicht noch eben ins Tram. Für drei Stationen.
Ich bin derart in Betrachtung versunken, dass ich Marie's neuesten Gedankensprung zunächst gar nicht wahrnehme. Erst als sie ihn auf mein Nachfragen hin wiederholt "Wenn jeder jede Nacht schrumpft oder wächst und jeden Morgen ganz anders aufwacht als er eingeschlafen ist..." Ha! Ich rieche den Braten: "Und nicht einmal im gleichen Körper," fantasiere ich mit "sondern in einem ganz anderen...", "...in dem eines Buben oder eines Mädchen...","...mit heller Haut oder mit dunkler...", "...mit schiefen oder geraden Zähnen...", und so weiter und so fort.
Was gäbe das für eine herrliche Welt!
Nichts zu horten, nichts zu ergattern, da ohnehin jeden Abend wieder zerronnen. Keine Pläne und fixen Ideen, da vergebens für den morgigen Tag. Kein Argwohn auf das Andersgeartete, da am kommenden Tag eventuell gerade jenes. Ich schwelge.
Marie holt mich rüde von Wolke Nummer sieben: "Wir müssten den Keller ausräumen" sagt sie nüchtern. "Wie bitte? Weshalb?" "Na, stell dir mal vor: Wieviel Schuhe wir dann bräuchten! Für jeden Tag andere!"
Schuhe. Natürlich. Ach, ich liebe die jungen Frauen von heute mit ihrem untrüglichen Sinn für's Praktische...

2007-10-14
Erkenntnisse auf dem Nussgipfel
Weithin gilt es als erstrebenswert, beharrlich zu sein. Von klein an wird uns eingebläut, dass man, will man etwas erreichen, im Leben oder auch sonstwo, "dranbleiben" muss. Was immer es ist, drangeblieben wird gemusst, wie Zecke auf Pobacke. Auch wenn's schwierig ist, das Ziel sich in einem unsichtbaren Labyrinth zu verbergen scheint, an dessen Wänden man sich Sturmbeulen holt. Das dumme an unsichtbaren Labyrinthen ist nämlich, dass sowohl Vorwärtskommen wie Scheitern unvorhersehbar sind, und sich hinter scheinbarem Jubel bittere Enttäuschungen verbergen können. Zwei Zentimeter können dich vom Ziel trennen; wenn's ne Wand aus Panzerglas ist und du - nachdem man dir am Flughafen Nagelfeile und Taschenmesserchen abgenommen hat - abgesehen von den Fäusten ohne jegliche Instrumente da stehst, nur noch letztere schütteln kannst, dann könnten dich auch Welten vom Ziel trennen. Ja, s'wär sogar leichter, wären es Welten. Denn kurz vorm Ziel ist die Niederlage erbarmungslos bitter. Umgekehrt ist der Erfolg ein umso seligerer Segen, wenn man bitter darum gekämpft hat. Nicht locker gelassen hat, nicht aufgegeben, allen Seitenhieben, Frontalkollisionen und Wegblockaden zum Trotz. Falsch gedacht. Denn häufig ist das Ziel nichts anderes als ein vertrockneter Nussgipfel.
Dieser Erfahrung durfte sich sowas kürzlich unterziehen, nachdem sich die fixe Idee, UNBEDINGT einen Nussgipfel zu organisieren, in ihrer Pobacke festgekrallt hatte. Es war späterer Nachmittag und anscheinend nationaler Nussgipfel-ess-Tag, was sowas, die Bekanntgaben meidet, wie Nosferatu den Knoblauch, und sich Zeitungen immer erst dann zu Gemüte führt, wenn sie gut abgehangen sind - denn nur das, was auch nach einigen Tagen noch aktuell ist, verdient, überhaupt vermerkt zu werden - wieder einmal in heiliger Ignoranz verpennt hat. Nun ja, kein einziger Laden führte das gewünschte Gebäck im Sortiment. Auf leeren Regalen duckten sich grobe Brote und bleiche Brötchen, in den freigeräumten Auslagen dümpelten verschupfte Stückli und angetrocknete Patisserie. Ein Anblick zum *hrghürg*. Doch sowas blieb dran! Denn eins kennt sowas nicht: Aufgeben. Einfach nicht, niemals nie. Wie der gute alte Winston. Im dreiundzwanzigsten Laden, durch dessen bimmelnd sich schliessendem Ladentürspalt sowas gerade noch hindurchschlüpfen konnte... TA-TAAA! Das objet du désir! Allerdings in wenig anmächeliger Verfassung. Bei klarem Verstand hätte sowas die bimmelnde Türe gar nicht erst aus den Händen gelassen, sondern kehrtum gemacht und Fersengeld gegeben. Weil aber der Nussgipfel aufgrund des Nicht-Aufgebenkönnens mittlerweile zum Mussgipfel geworden war, gab's stattdessen bare Münze für ein verbröseltes Ding.
Ich würgte es herunter und verfluchte die vielgelobte Eigenschaft, nicht aufgeben zu können.

Quelle: Hiestand (rein illustrativ!)
2007-10-11
Herbstmenü
... Steingemetzeltes an Baumnudeln mit Laubsalat und Stiegenpilz ...
Oder: es ist schon erstaunlich, was ein knipsendes Telefon so alles zustande bringt. Ich nehme meine Häme und dummen Sprüche (sowas zum Fotografen: "Kann man mit dem Ding auch telefonieren"?) zurück. Wer weiss, vielleicht kann's ja auch mal kochen...
2007-10-08
Jahrlaub
Morgen werd ich zweiundvierzig. Ich kann nicht sagen, dass ich mich wie vierundzwanzig fühle. Aber ich kann auch nicht sagen, dass ich mich wie fast doppelt so alt fühle. Ich fühle mich einfach wie ich.
Gewisse Dinge haben sich geändert, andere sind gleich geblieben. Und die werden sich auch nicht ändern, wenn ich sechsundsechzig bin. Ich habe immer noch diese Basishast in mir, und ohne sie bin ich schlapp und unproduktiv. Das In-mir-ruhen ist wohl ein für mich unerreichbarer Zustand. Ich fress immer noch kompulsiv zu viel, zerbrech mir einfach weniger den Kopf darüber. Sport treibe ich auch immer noch im Handorgelrhythmus - mal gepresst, mal in die Länge gezogen.
Viele Dinge, über die ich mich als junger Mensch fürchterlich aufgeregt habe, habe ich, als ich dann "richtig" erwachsen wurde, also so mit sechsundzwanzig, als grundsätzlich an mir liegend erkannt. Als MEIN Problem, das ich zu lösen hatte. Geht ja. Muss nur.
Mit Mitte Dreissig habe ich dann gemerkt, dass das so einfach eben nicht geht, ja, dass es eigentlich überhaupt nicht geht. Also beschloss ich, die Dinge, die mich an mir stören, die sich aber nicht ändern lassen, einfach hinzunehmen.
Mit Vierzig habe ich gemerkt, dass ich auch das nicht kann. Was mich an mir stört, STÖRT mich einfach (sonst stört es ja nicht). Wenn ich's hinnehmen könnte, würd's mich nicht mehr stören (bzw. was ich hinnehmen konnte, stört ja jetzt auch nicht mehr - z.B. dass ich nicht mehr in Kleidergrösse x hineinpasse).
Also: Es gibt Dinge, die mich stören; die ich nicht wegbekomme und mit denen ich mich auch nicht abfinden kann. So ist das eben, e basta. Und das habe ich jetzt, mit einundvierzigkommaneunneunneun erkannt. Was stört, bleibt störend, und Neues dazulernen kann man nur in alten Bahnen.
Wir erfinden uns nicht mehr neu, mit über Vierzig und was wir finden, überrascht uns nicht mehr. Und trotzdem ist es wichtig, immer wieder offen ins Leben hineinzumarschieren und zu schauen, was da kommt. Auch wenn immer nur/wieder das Gleiche (heraus)kommt.
Oder, wie eine leidenschaftliche Broccantista einmal sagte "Am Ende sammelt man stets sich selbst".
2007-10-07
Demokratainment
Der Briefkasten erinnerte entfernt an eine Stopfgans. Grau quoll es aus seinem Maul, breit und sonst nicht zimperlich, wenn's ums Schlucken geht. Für gewöhnlich. Doch diesmal war es auch ihm zu viel. Fünf C5-Umschläge, prall gefüllt. Plus noch den ganzen Rest, den einen das Gewerbe trotz Stoppkleber in den Kasten spült. Verdrossen zupfte ich das Zellulosegewirr aus dem Zustellschlund: Rechnungen, Werbung, Stimmaterial. Lang vorbei die Zeiten, in denen sich ein handbemaltes Brieflein darin verbarg, Zeilen einer fernen Brieffreundschaft oder eines Liebsten. Jetzt haben wir Mail und Spam, der Liebste ist Gatte und die Freundschaft Geschichte. Aber Abstimmen tun wir immer noch. Fünf Couverts, will heissen, fünf wahl- und stimmberechtigte Erwachsene, deren Bestellblöcke für's Politmenu unser Briefkasten mittlerweile aufnehmen muss. Fünf Personen, von denen eine einzige stimmt und wählt - nämlich ich. Allen anderen ist - wie allen anderen auch - die Politik am Arsch vorbei, weil, die da oben tun sowieso was sie wollen, Scheissbaun, langweiligen Mist diskutieren und auf meine Stimme kommt's ohnehin nicht an. Ich vermute dahinter eine verkappte Frust-Intoleranz, denn Abstinenz macht Niederlagen in der Demokratie erträglicher ("Ich war ja eh nicht stimmen"). Seit Jahr und Tag fluchen Gatte und Nachkommenschaft über "die im Bundeshaus" aber zum selber Mitmachen ist man zu faul - oder eben, will sich die Enttäuschung ersparen, zu denen gezählt zu haben, die unterzählig waren, in der Minderheit - zu den Verlierern halt. Und je mehr Möglichkeiten für's Kreuzleinmachen oder Namenhinschreiben es gibt, umso grösser die Gefahr des Danebenliegens, ein Politiklotto sozusagen, ein Nationalratsbingo, ein Ständerats-Topfschlagen. Kalt - warm - links - rechts - daneben. Und selbst wenn man den Sechser zog *Gartong-im-Sääli* kann er sich als Niete herausstellen. Das frustriert. Das schreckt ab. Deshalb bin ich auch strikt gegen eine Senkung des Stimmalters. Denn dann haben wir noch mehr Nichtwähler und die Zahl jener, die etwas bewegen, nimmt prozentual weiter ab (wobei ich, die ja eigentlich vehement für eine WahlPFLICHT mit Geldbusse im Unterlassungsfall bin, fieserweise allen anraten könnte, NICHT stimmen zu gehen. Dann bin ich nämlich die Einzige und regiere - ganz demokratisch - das Land allein. Meine heimliche Allmachtsphantasie in Reinform *huhu, händereib*).
Nun also, fünf Couverts. Ich mache meins brav auf, verstreu die Propaganda auf dem Küchentisch und beginne, Bigeli zu machen: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Altpapier, die Weissnichtsorecht und Sindauchnochlustig in die Mitte. Meine Familie grinst milde: Muttern ist eben eine Zugereiste, eine, die das Wahlrecht nicht automatisch bei Volljährigkeit nachgeworfen bekam, sondern es eigenhändig erwerben musste - mit Geld natürlich, was sonst. Mein Augenklimpern war's nicht, das die städtische Einbürgerungskommission davon überzeugte, mir, der dubiosen Para-Balkanesin, die rote Karte, äh den roten Pass zuzubilligen. Ich stimme also. Man belächelt mich. Man geht essen, ich auch, feiert, ich auch, trinkt etwas, ich auch, kehrt gemeinsam nach Hause und unterwegs schwafelt einer in der ausgelassenen Runde etwas von MyVote, und dass man sich die Kandidaten per Internet mundgerecht ins Haus liefern lassen kann, wie russische Katalogmädchen. *Uhueremega!* Zuhause werden Computer angeworfen und dann wird fieberhaft gegamed: Zeugs anklicken, Fragen beantworten, Resultate austauschen, Namen und Nümmerli kritzeln, schwitzen, stöhnen, Buh- und Aaah-Rufe. "Waas? Du hast ja lauter JCVP-Leute auf deiner Liste, voll krass, igitt! Schäm'dich!" "Kuck mal, mein Spider sieht genauso aus wie der von dem da!" "Dem Fascho?" "Das ist kein Fascho, der ist echt cool, Mann, sieh doch." "Sieht aber bescheuert aus. Ich nehm lieber die Blonde da." "Fascho!" Das Wahlspektakel geht bis nach Mitternacht. Dann sind fünf Mägen, Birnen, Listen voll. Das nenn ich Brot und Spiele - oder Demokratainment.