2007-08-19

Die wahre Nacktheit

Von sowas @ 11:55 [ Kram ]
Nun, dann war ich also auch eine von 600 Nackerten, die gestern zu Spencer's hysterischem Gebrüll halb belustigt, halb verwirrt posiert haben. An drei "Installationsorten", vier mal an- und ausziehen, am Schluss hätten wir's sogar ins Guinnessrekordbuch geschafft, so fix waren wir im Raus-aus-den-und-wieder-rein-in-die-Klamotten. Haben uns angegrinst und wohlwollende Witze gemurmelt, denn laut reden durften wir nicht, das durfte nur ER, der Zeremonienmeister auf der unter seinem Gewicht bedrohlich schwankenden Aluleiter; oftmals wünschten wir, er hätte lauter gesprochen, hätten die Helfershelfer mehr und leistungsstärkere Megafone organisiert, und IHM, dem Fotogöttlichen, eine andere Übersetzungshilfe zur Seite gestellt (sofern es denn wirklich eine gebraucht hätte) als die hilflose Kreischmaus, die wie ein verrupfter Cherubim in schrill-blechernem Ton durchs Megafon bis zur Unkenntlichkeit rückgekoppelte, deusch/französische Verstümmelungen SEINER Anordnungen zu übermitteln versuchte. Spencer's rührend verzweifelte Genervtheit, als sich drei arglose Wanderer unvermutet in seine Installation verirrten und ihn zu einem desperat geheultem "It's gonna take them ten fucking Minutes to get out of my picture – FUCK!! Make'em RUN! GO, GO, GO!!" Und wir Statisten – nackert, hungrig, frierend und teilweise blutverschmiert (Gletscherfirn ist scharfkantig wie Glas) seitlich auf einer winzigen Filzmatte und einem Paar Viersternhotel-Frotteeschlappen im Schlick liegend (Gletschereis wird von einer Schicht dunkelbraunem Geröllstaub bedeckt; nachher sahen wir alle aus, als hätten wir uns im Schlamm des höchstgelegenen Open-Air's gewälzt) – wir, die verbliebenen 200 der letzten Installation, grölten unisono "GO-GO-GO-GOOOOOO!!!" und johlten dazu, wie gesagt, dreckig, nackt, verschmiert auf dem Boden des schmelzenden Eises der Ewigkeit, 2'350 Meter über dem Meer und ein Vielfaches unter dem Himmel. Ein absolut geniales Gefühl!
Die Nacktheit an sich war nur vorher ein Problem. Während der Anreise, wo verstohlene Blicke nach links und rechts zuckten, im Zweitklasswagen der SBB: Wer hier kommt auch? Macht dieser mit oder jene dort? Der in den grünen Wanderhosen, die im buntgeringelten Selbstgestrickten? Der bärtige Studi? Die hesselesende Weltverbesserin? Der braungebrannte Oberstufenlehrer? Eine vierstündige Gletscherwanderung hatte man uns im Infoblatt angedroht – es sollte nur kommen, wer sich fit genug fühlte. Gehörten also die wettergegerbten Durchtrainierten dort hinten mit Seil, Helm und Eispickel auch dazu? Und wenn ja, wie sähen sie aus ohne. Seil, Helm, Eispickel. Hemdchen und Höschen. Behielten sie ihre Klettergurte an, liessen die Eisschrauben baumeln?
Niemand behielt nichts an. Kein Kleidungsstück, kein Schmuck, kein Haargummeli. Und wer sein Tattoo nicht rasch genug bedeckte, wurde von Spencer aus dem Bild gebrüllt (glücklicherweise konnte sowas das ihrige am Fussgelenk diskret verbergen – dafür wurde sie in der ersten Installation wegen unzulässiger Bikinistreifen nach hinten gejagt "Hey, you, lady! Go back! Your tanline is too bad." *Öhm* ich war mir gar nicht bewusst, einen Bikinistreifen zu haben!).
Alle waren dabei! Alle, im Zug. Der Lehrer, die Hausfrau, der Studi, das rüstige Pensionistenpaar, die jugendliche Dramaqueen. Zückten nach und nach das "Model-release"-Formular und bezeugten dadurch ihre beabsichtigte Teilnahme. Nur sowas hielt sich bedeckt und guckte scheel. Sollten doch alle denken, die Frau im Roten mache eine eigenwillige Gletscherwanderung – ganz für sich allein, und selbstverständlich verhüllt. Sogar mit Kopftuch, jeden muslimischen Imam hätte es entzückt.
Das Outing erfolgte schliesslich in Betten, bei der Überreichung des "Stigmas" in Form eines hellgrünen Schlüsselbändels, den wir fortan zu tragen hatten, bis Spencer uns dessen Ablegen befahl. "Am grünen Bändeli sollt ihr sie erkennen" Und wie! Alle trugen das leuchtende Band. Der Bäckermeister, die Krippenleiterin, die tuschelnde Tussi, sogar ein waschechter Soldat. Trug grün zu Grün – es machte sich nicht schlecht.
Derart getarnt marschierten wir im Gänsemarsch zur ersten Installation. Angezogen. Nur zwei voreilige Zwangsnudisten blüttelten bereits bei der Bergstation. Spencer verbot ihnen das Mitmachen "Es geht hier nicht um euch, es geht um das Projekt" rügte er, entlarvend. Also geläutert liessen wir erst auf seinen Befehl hin die Hüllen fallen. Und Nüchternheit stellte sich ein. Aha. So geht das. Und so sehen wir aus. Stinknormal. Alle. Unserer Ego- und Statussymbolisierung durch Kleidung, Frisur, Schminke und Schmuck beraubt, wurden wir alle zu ganz normalen, "wahrhaften" Menschen. Zu Du's und Ich's. Wahrhaft nackt und unverstellt. Redet man miteinander, grinst sich an, reisst Witze über den hyperventilierenden Künstler, der rotgesichtig den Wolken zürnt, die sein Werk bedrohen.
Ach ja, der Gletscher. Den's in 80 Jahren nicht mehr geben soll (sowas tippt auf 79, weil so viele nackte Leiber garantiert etwas zur Schmelzbeschleunigung beitragen). Zwei Drittel sollen mitgemacht haben, weil ihnen die Natur so sehr am Herzen liegt. Ich halte das für Rübenquatsch. Wer Klimaschutz betreiben will, muss das zuhause tun und nicht auf einem Gletscher. Meiner Meinung nach waren die meisten wegen dem Happening da, so wie ich, und nicht wegen ihrem Umweltgewissen. Aber der offiziell "gute Zweck" gab einem einen hehren und noblen Grund zum Mitzumachen. Gelohnt hat es sich alleweil.

Fotografieren hätte man nicht dürfen (nur ER – und die Presse *grins*). Darum zeige ich Ihnen auch KEINE Fotos! (Was Sie sehen, ist reine Illusion und Ähnlichkeiten mit realen Personen sind Hirngespinnste ;-) )

Die Stunde der Wahrheit
Die Stunde der Wahrheit

Am grünen Bändeli sollt ihr sie erkennen
Am grünen Bändeli sollt ihr sie erkennen

Der Meister befiehlt (mit Megafon)
Der Meister befiehlt (mit Megafon)

Fotografieren verboten!
Fotografieren verboten!

Die Stunde der Nacktheit
Die Stunde der Nacktheit

Souvenirs
Souvenirs...


Kommentare

unkultur
2007-08-19 12:16:42

Ganz abgesehen vom Engagement für die Umwelt, vom künstlerischen Statement und vom Gruppenerlebnis: Das Bild, das von weitem die vielen Körper in die Gletscherkuhle eingeschmiegt zeigt, als wären sie ein Teil der Landschaft, wird wunderschön anzuschauen sein (Vorgeschmack beim Tagi-Online erhalten). Da können die jungen Grünen auf ihrem Polizeiauto einpacken.

Bög - bög [at] gmx.com
2007-08-20 20:47:37

Es ist das allerneuste trend: In Gruppen sich nackt fotografieren lassen. Selbst Politiker (die Grünrn) gtrifrn zu solche Mitteln, um beachtet zu werden. Der Mensch macht vor nichts Halt wenn es darum geht im Mittelpunkt zu stehen. Ihres geistige Niveau reicht dazu anscheinend nicht. Tragisch. Nicht umsonst hat einmal BB gesagt: Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere.

chutney - http://chutney.twoday.net/
2007-08-22 14:23:22

Na sowas, das hast Du schön beschrieben, genau so war's. Nur eins stimmt scheints nicht: Die Körperwärme hat nicht zur Gletscherschmelze beigetragen, sondern im Gegenteil, die Körper haben die Sonneneinstrahlung auf den Gletscher vermindert. Das bewirkt mehr, hat neulich einer ausgerechnet.

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