Das Lem’sche Experiment
| Von sowas @ 08:38 | [ Kram ] |
Irgendwer hat sich wiedermal irgendwo aufgeregt, wegen Verhunzung deutscher Sprache. Da könne ja jeder, wo kämen wir da hin, wenn alle irgendwie, undsoweiter. Ich muss was loswerden: Burschen! (mein Vater hat mich und meine Schwestern immer so genannt, was uns regelmässig in Rage brachte und seinen Zweck somit perfekt erfüllte), also *haarzurückwerf* Burschen: Sprache ist "symbolische Interaktion". Will heissen: A will was loswerden, eine Message abdrücken von ihm zu B, von seinem Hirn/Bauch in B's Kapierdings. Er kann's mit der Keule probieren oder mit den Fäusten. Ist für heutige Alltagssituationen allerdings nur bedingt tauglich ("Ach, Fräulein Schmid, bitte sehen Sie doch in der Januar-Ablage nach, ob die Bestellung der Firma Muster AG dort hineingerutscht ist." "Papaaaa? Wie weit ist es noch bis Birdelborn?" "Schatz, wenn du die Katja in die Kita bringst, hol ich den Ralph vom Bahnhof ab.") Gleiches Resultat mit Brüllen und Armefuchteln. Einfach zu wenig Ausdrucksmöglichkeiten. Also, her mit den Wörtern! Bitte, hier sind sie *ausleer*: 500'000 Wörter der deutschen Sprache. Reicht das? Nein. Erstens: Wo Wort, da Missverständnis. Zweitens: Wo Wort, da Ausrede. Drittens: Wo Wort, da Lebensumwelt. Missverständnisse sind unvermeidlich und Ausreden unumgänglich. Nummer drei dagegen ein echtes Problem. Warum? Machen Sie mal folgendes Experiment: Versuchen Sie, einen Tag in Ihrem Leben mit dem Wortschatz des 19. Jahrhunderts zu beschreiben*] (viel weiter zurück wollen wir nicht gehen). Na los, versuchen Sie es! Sie scheitern schon beim Radiowecker. Was also, liebe Damen und Herren Hüter des reinen Deutsch, würden Sie tun, wenn Ihre Vorfahren das getan hätten, was Sie sich so sehnlich wünschen, nämlich die Sprache "rein" zu halten? Sprache LEBT, sie ist Kommunikation, Verständigung im Alltag, im Hier-und-Jetzt, mit seinen aktuellen technischen, gesellschaftlichen und normativen Gegebenheiten. Und weil sich diese fortgesetzt ändern, verändert sich auch die Sprache, wird integriert, verstümmelt, zerschnippelt, neu zusammengesetzt, Bastelecke im Kindergarten. Begriffe werden erfunden um neue Realitäten zu beschreiben, und umgekehrt. Werden Realitäten um Begriffe herum gebildet, wie die Perlschicht um ein Sandkorn. "Email": Moderner Brief oder Grossmutters Nachttopf?
Sprache einfrieren? Realität festzurren? Auf welchem Stand? Heute? Vor 20 Jahren? Vor 200? Zurück zur Keule und zum Uga-uga?
*]Der Tipp stammt nicht von mir, sondern von Stanislaw Lem "Personen, die mir mit mehr oder weniger boshaften Bemerkungen lästig fallen, ich kompliziere die Lektüre meiner Memoiren und Reisetagebücher durch sprachliche Neuschöpfungen und Geschwulstbildungen, rate ich freundlich zu einem simplen Experiment, aus dem ihnen die Unumgänglichkeit meines Verfahrens klar ersichtlich wird. Soll ein derartiger Kritiker doch einfach den Versuch machen, einen einzigen Tag seines Lebens in einer irdischen Grosstadt zu beschreiben und sich dabei ausschliesslich vor dem achtzehnten Jahrhundert gebräuchlichen Wortschatz zu bedienen. Wer nicht gewillt ist, sich diesem Test zu unterziehen, folge meiner höflichen Empfehlung, die Finger von meinen Büchern zu lassen." Lokaltermin, Suhrkamp, 1987, S. 335.
Sprache einfrieren? Realität festzurren? Auf welchem Stand? Heute? Vor 20 Jahren? Vor 200? Zurück zur Keule und zum Uga-uga?
*]Der Tipp stammt nicht von mir, sondern von Stanislaw Lem "Personen, die mir mit mehr oder weniger boshaften Bemerkungen lästig fallen, ich kompliziere die Lektüre meiner Memoiren und Reisetagebücher durch sprachliche Neuschöpfungen und Geschwulstbildungen, rate ich freundlich zu einem simplen Experiment, aus dem ihnen die Unumgänglichkeit meines Verfahrens klar ersichtlich wird. Soll ein derartiger Kritiker doch einfach den Versuch machen, einen einzigen Tag seines Lebens in einer irdischen Grosstadt zu beschreiben und sich dabei ausschliesslich vor dem achtzehnten Jahrhundert gebräuchlichen Wortschatz zu bedienen. Wer nicht gewillt ist, sich diesem Test zu unterziehen, folge meiner höflichen Empfehlung, die Finger von meinen Büchern zu lassen." Lokaltermin, Suhrkamp, 1987, S. 335.


