Mein erster Blog, mein erster Eintrag, meine publizistische Entjungferung. Uääh. Puh. Schweisstropfen. Leerschlucken, durchatmen und… OK, heeeeeere we go:
Was treibt Leute dazu, ihren Namen und etwaige Sinnsprüche auf ca. 7x17 cm grosse Blechtafeln gravieren zu lassen, welche, auf Pflastersteinen fixiert, zu Hunderten den Boden rund um einen eher kümmerlichen Springbrunnen am Rande eines Vergnügungsparks in einer fernen Grossstadt bedecken? Und was treibt mich dazu, mir diese Frage zu stellen? Ich schüttle mein Handy aus der mit Stadtmüll vollgeräumten Umhängetasche - eine Zeitschrift (die sich beim Durchblättern als schnöde Reklame erweist), ein angeschmolzenes Wiener-Kaffeehaus-Schöggeli (das sich beim genauer Draufschauen als www.munz.ch-Schoggi entlarvt; man sollte den Dingen besser nicht auf den Grund gehen, wenn man seine Illusionen bewahren möchte), eine halb abgefahrene 8-Tages-Wiener-Linien-Kernzonen-Fahrkarte, ein dünner Strickpullover (der nichts taugt, um gegen die herrschende Kombination aus sengender Spätjunisonne und böigem Flachlandwind anzuklimatisieren), ein schmierig gewordener Schutzlippenstift (hergestellt durch/für „kd kaiser’s drugstore“ in Hamm… Himmel, wo hab ich den bloss her?), eine 30-Cent-Rabatt-Karte für eine Konsumation im Restaurant-Café (wobei das Vorhandensein der Marke bezeugt, dass die Konsumation nie eingelöst wurde), das so unvermeidliche wie lebensrettende Portemonnaie mit der (nicht ganz ohne Häme) die Schweiz zur monetären Enklave abstempelnden Fremdwährung, die Sonnenbrille (und zwar die Rote! zu der sich die frau schliesslich nach 20 Minuten schwerster Entscheidungsarbeit durchringen konnte und der Braunen mit den Glitzersteinchen, der coolen Schwarzen und der trendigen Pilotenbrille vorzog). Und, last but not least: Ta-taaaa! das Handy. Mit der lokal erworbenen Prepaidkarte, die Kosten der Telekommunikation wollen schliesslich auf’s Erträgliche reduziert sein. Wobei, nicht dass es da viel zu Kommunizieren gäbe. Ich bin seit drei Wochen in Wien, die Tage sind gleichförmig abwechslungsreich und der verbale Austausch mit den Meinen hat sich auf fixe Zeiten und vorhersehbare Inhalte eingependelt, das Handy ist mehrheitlich denn auch Zierrat als Schutzvorrichtung. Aber es hat eine Kamerafunktion; welches Handy hättet das nicht (ich warte immer noch auf den Fotoapparat zum telefonieren - man könnte z.B. rund um die Linse eine Wählscheibe anbringen; also alle Designer, die sich auf meinen Blog tummeln [und das sind sicher ganze Heerscharen], mal hergehört!). Die Kamerafunktion meines Handys hat insofern eine praktische Bedeutung, als dass sie mich a) mein Handy überhaupt benutzen lässt (sonst wüsste ich nicht, wie es funktioniert) und b) mir erlaubt, Dinge festzuhalten, die mein von präseniler Vergesslichkeit durchseuchtes Hirn umgehend in den mentalen Papierkorb verschiebt, um sie von dort aus hinter meinem Rücken diskret in den Vergangenheitsshredder zu entsorgen. So dass ich, wenn ich Stunden später vor dem Computer sitz, um mir die, mich beim Anblick der hell-eloxierten Metallplättchen unaufgefordert angesprungene Frage „Was treibt Leute dazu,…?“ durch den Kopf gehen zu lassen (obwohl ich mir viel eher die Frage stellen sollte, was eine erwachsene Ex-Wahl-Wienerin dazu treibt, den Wurstelprater aufzusuchen, Nostalgie kann es ja nicht sein, und zum Joggen bin ich auch nicht hergekommen), anstatt berauschender Inspiration und Schreiblust eine schmachvolle Leere verspüre - Ehm, um was ging’s schon wieder? Um die Metallplättchen, ach ja. Ich hab Fotos gemacht. Sind leider nichts geworden. Viel zu klein, viel zu hell. So dass man nicht lesen kann, die Namen, fremdländisch (Lavern Shingbadjal) oder heimisch (Theobald Koziol) in umgekehrter Reihenfolge (Hutter Dagmar), mit Titeln (Prof. Dr. Ferdinand Weichselberger-Görtschner) oder mit Initialen (H.-P. Fux) versehen; lediglich Vor- (Chris) oder gar Kosenamen (Mausi) enthaltend; Platten von Einzelpersonen, Paaren, Familien, Vereinen, Firmen, Freundschaftsverbänden. Und eben. Sprüchen - jeglicher Art und Güte. Religiöses („Alles kommt aus Gottes Hand“), Triviales („Für meinen lieben Schatz“), Pseudo-Bedeutsames („Liebe das Leben - Lebe die Liebe“). Und, irgendwo, mittendrin, einer, der mich ansprang „Alles, was ist, ist Teil von mir“. Und mir die Frage bescherte, die ich im Stadtstrandgutsack unsichtbar aber zentnerschwer nach Hause trug, um sie dort symbolisch mit dem Handy auf den Boden zu leeren: „Was treibt Leute dazu?“ Warum liess Karin Gugerell diesen Spruch unter ihrem Namen anbringen? (Ich frage ganz bewusst nicht: „Was will Karin Gugerell damit sagen?“ Denn es ist völlig unerheblich, was sie damit sagen will. 80% aller Aussagen werden nicht im Sinne ihres Absenders verstanden, Scheiss also drauf, was sie damit sagen will. Nein, meine Frage lautet:) Was trieb Frau Gugerell dazu, einen Teil (eben diesen, zu 80% missverstandenen, Spruch) von ihr, die als gesichtsloser Name erscheint, der entziffernden Zufallsöffentlichkeit Preis zu geben? Warum tut sie das? Und warum beschäftigt mich das? Weil ich blogge? Weil ich, von der man nur den Namen kennt, Teile von mir, die hochgradig missverstanden werden können, der internetten Öffentlichkeit preis gebe? Ok, ich geb’s zu: That’s it (and that's no lie) ;-)
